Unser Veedel im Wandel – der Stadtgarten e. V. im Superveedel-Pilotquartier

Ausschnitt aus Google-Maps vom Stadtgarten-Quartier
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In Barcelona heißen sie Superblocks, in Berlin Kiezblocks, in Köln Superveedel: Quartiere, in denen Aufenthaltsqualität, Begrünung und sichere Wege Vorrang vor dem Durchgangsverkehr erhalten. Seit September 2024 ist das Stadtgarten-Quartier eines der beiden ersten Superveedel-Pilotprojekte der Stadt Köln. Der Stadtgarten e. V. ist Teil der Superblocks‑Bewegung, Mitgründer der Dachverbände „Kölner Superveedel“ und „Superblocks NRW“ und bundesweit über Changing Cities e. V. vernetzt.

Vom Nebeneinander zum Miteinander

Im Januar 2024 gründeten ein Dutzend Anrainer:innen, die sich zuvor kaum kannten, den Stadtgarten e. V. mit dem Ziel, den Wandel im Veedel demokratisch, sozial und klimaresilient mitzugestalten. Heute zählt der Verein über 60 Mitglieder und verfügt über ein stabiles Netzwerk Ehrenamtlicher. Wöchentliche Mittagstische in der Christuskirche für Menschen, die sonst alleine essen, die Bepflanzung von Baumscheiben, Umfragen, wie z.B. nach mehr Anwohner:innen-Parken im Veedel und Mitmachangebote wie gemeinsames Müllsammeln vertiefen Kontakte und Strukturen, die im Innenstadtquartier zuvor nur sehr schwach ausgeprägt waren.

Die Kraft für dieses Engagement entsteht aus der Erfahrung, dass viele Engagierte durch die Vereinsarbeit selbst von Anwohner:innen zu Nachbar:innen geworden sind. Der Verein ist also mehr als nur die Summe seiner Mitglieder.

Klima, Gesundheit und Beteiligung im Superveedel

Viele Menschen im Viertel erleben die Entwicklung zum Superveedel als tiefen Einschnitt; die Verunsicherung reicht teilweise bis hin zu Vandalismus. Der Stadtgarten e. V. setzt dem bewusst Gesprächsangebote und Beteiligungsformate entgegen. Die klimaresiliente Umgestaltung von Bestandsquartieren wird hier als gemeinsame Aufgabe von Verwaltung und Bewohner:innen verstanden, die Transparenz, Beteiligung und einen langen Atem erfordert.

Im Fokus steht dabei die Gesundheit: Weniger Durchgangsverkehr bedeutet weniger Feinstaub, weniger Lärm und weniger Hitzeinseln – und damit weniger psychische, Herz‑Kreislauf‑ und Atemwegserkrankungen, gerade für vulnerable Gruppen. Mehr Bäume und entsiegelte Flächen werden als konkrete Gesundheitsvorsorge begriffen. Empfehlungen des “ greifen dieses Verständnis auf; viele Elemente davon fordert der Stadtgarten e. V. bereits praktisch ein.

Die Stadt Köln hat den Klimanotstand ausgerufen, und das Stadtgarten‑Veedel zählt zu den besonders hitzebelasteten Quartieren. Aus Sicht des Vereins sind deshalb Abkühlung, Entsiegelung und Begrünung dringlich. Der Stadtgarten e. V. bringt vor allem Kompetenzen in Kommunikation und Beteiligung „bottom up“ in die laufenden Transformationsprozesse ein. Nach Auffassung des Vereins fehlt es bisher an sichtbaren Umsetzungsschritten, damit der Superveedel‑Pilotbeschluss vom 5.9.2024 in der Quartiersrealität ankommt. Obwohl EU‑Fördermittel in Höhe von 1,5 Mio. Euro bereitstehen, die rund 90 % der Kosten tragen, werden sie von der Stadt nicht abgerufen.

Ein wichtiger Baustein aus Sicht des Vereins ist das Anwohner:innen‑Parken. Erst wenn im Viertel überwiegend Anwohner:innen parken, können Stellplätze reduziert und Flächen für Begrünung, kühlere Temperaturen, weniger Feinstaub, weniger Lärm, mehr Sicherheit und Gesundheit freigegeben werden. Derzeit wird das Veedel stark von Einpendler:innen zugeparkt; viele Flächen, einschließlich Gehwegen, sind verstellt. Kinder und andere vulnerable Gruppen können sich dadurch nur eingeschränkt selbstständig im Quartier bewegen. Gleichzeitig weist der Verein darauf hin, dass das Parken in der Tiefgarage am Kaiser‑Wilhelm‑Ring günstiger ist als im Straßenraum. Initiativen aus der Bewohnerschaft, die sich für Anwohner:innen‑Parken einsetzen, werden vom Verein unterstützt.

Der Stadtgarten e. V. arbeitet ehrenamtlich und für alle im Veedel

In autonomen Arbeitsgruppen organisieren Ehrenamtliche die Bereiche Begrünung, Kommunikation, Nachbarschaft, Veranstaltungen und Finanzen und bringen Kompetenzen aus Architektur, Journalismus, Design, IT, Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Steuerberatung ein. Beim jährlichen Park-Platz-Tag verwandelt der Verein gemeinsam mit Partnern den großen Parkplatz hinter der Christuskirche in einen autofreien Experimentierraum: 2025 kamen über 2.000 Besucher:innen zu 25 Ständen und diskutierten mit Vertreter:innen aus Politik und Verwaltung. Mit Umfragen sammelt der Verein Rückmeldungen – auch von Menschen, die sonst selten beteiligt werden.

Weitere Aktivitäten reichen von einer Wanderbaum‑Demonstration mit Schulkindern über den Bau einer Boule‑Bahn und die Anlage eines Käferkellers mit Kindern von Amaro Kher (Rom e. V.) bis zur Kartierung der Bäume im Stadtgarten, die per QR‑Code über die abrufbar sind. Das Symposium „Stadtgarten for Future“ am Tag des offenen Denkmals mit Parkführung erreichte über 300 Interessierte. Weniger sichtbar, aber wirksam sind aufsuchende Nachbarschaftsgespräche gegen Einsamkeit sowie regelmäßige niedrigschwellige Begegnungsformate, die offen, kostenfrei und barrierefrei gestaltet sind.

Wirkung, Programme und Ausblick

Der Verein arbeitet dialogorientiert, zugleich beharrlich und mit langfristiger Perspektive. Der Stadtgarten e. V. hat den Rheinstart‑Wettbewerb 2024 und 2025 gewonnen und wurde von Oberbürgermeisterin Henriette Reker für sein Engagement geehrt. Er ist als eine von zehn Initiativen landesweit in das Programm „Wir bewegen was!“ des NRW‑Umweltministeriums aufgenommen worden, als eine von zehn Organisationen bundesweit in den „QualitätsCheck: Beteiligung & Mitwirkung“ der Stiftung Mitarbeit sowie in das Programm „Weiter Wirken“ der Stiftung Umwelt & Entwicklung NRW. Zudem ist der Stadtgarten e. V. Pilotprojekt im Programm „1000 Stühle 1000 Bäume“ des Hauses der Architektur Köln.

Der Verein ist zuversichtlich, das Modellprojekt „Nachbarschaft: Ort der Demokratie“ in diesem Jahr zu starten. Dann entsteht über drei Jahre ein Quartiersplan von unten, mit einer Veedelmanager:in, Zukunftswerkstätten und wissenschaftlicher Begleitung voraussichtlich durch das Wuppertal Institut. 2026 eröffnet NRW‑Umweltminister Oliver Krischer den Park-Platz-Tag; der ehemalige Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach ist eingeladen, Expertise zu Hitze und Gesundheit einzubringen. Die Erfahrungen werden dokumentiert und als Blaupause für andere Bestandsquartiere aufbereitet. 2027 feiert der Stadtgarten e. V. das 200‑jährige Jubiläum des Stadtgarten-Parks mit einem Jahresprogramm für das gesamte Veedel; Schirmherr ist Oberbürgermeister Torsten Burmester.

Vielfalt, Kooperationen und Förderer

Der Stadtgarten e. V. versteht seine Arbeit als Gemeinschaftsleistung vieler Akteur:innen. Er kooperiert u. a. mit: Christuskirche, Cowoki, Neues Lernen e. V., Haus der Architektur Köln, Stadtkontraste, Essbare Stadt, Winzerveedel, Lebeveedel, Veedelsfreiraum, Changing Cities e. V., Migrafrica e. V., Jama Nyeta e. V., Rom e. V., Kölner Flüchtlingsrat, St. Alban, HAK e. V. (Hospiz), VCD e.V., ADFC e. V., Kindergärten, Schulen, Ritual Musik, Stadtgarten Konzerthaus, senf.app, Kölner Freiwilligen Agentur, FUSS e. V., Agora e. V. u.a.m.

Der Verein hat die Klimaschutz‑Charta und die Charta der Vielfalt unterzeichnet, ist Mitglied bei der LAG 21 NRW, im Bündnis Kommunale Nachhaltigkeit und orientiert sich an den SDGs 3, 9, 11-13 und 15-17. Gefördert wird die Arbeit u. a. von: Stiftung Deutsches Hilfswerk/Stiftung Deutsche Fernsehlotterie, Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW, Stiftung Baukultur NRW, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Stiftung Mitarbeit, Stadt Köln, Sparkasse KölnBonn und Volksbank Köln Bonn.

Stadtgarten e.V.

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