„Stabilität heißt nicht, dass alles bleibt, wie es ist“/ Interview mit Karolin Hüner

Seit fast drei Jahrzehnten bringt die Kölner Freiwilligen Agentur Menschen zusammen, die Köln mitgestalten wollen. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert – die Stadt, das Ehrenamt, gesellschaftliche Herausforderungen und auch die KFA selbst. Seit gut zwei Jahren ist Karolin Hüner Geschäftsführerin. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was die KFA stark macht, warum Veränderung zur Kontinuität gehört und was es braucht, damit sie auch in Zukunft eine starke Stimme für freiwilliges Engagement in Köln bleibt.

Karolin, du bist seit gut zwei Jahren Geschäftsführerin der Kölner Freiwilligen Agentur. Die KFA selbst gibt es aber schon seit fast drei Jahrzehnten. Wie war es, in eine Organisation mit einer so langen Geschichte hineinzukommen?

Als erstes fiel mir auf, wie unglaublich “reich” die KFA ist! Reich an Erfahrung, Wissen, Kontakten, Vertrauen, Projekten und vor allem Menschen, die sich zum Teil schon seit vielen Jahren für die KFA engagieren. Mich hat beeindruckt, welche Struktur hier über Jahrzehnte entstanden ist.

Als neue Geschäftsführung habe ich meine Erfahrungen, Fragen und meinen Blick auf Dinge mitgebracht. Ich habe sehr genau geschaut: Was macht die KFA aus? Was trägt uns? Was sollten wir unbedingt bewahren? Und wo müssen wir uns verändern, damit wir auch künftig gut aufgestellt sind?

Woher kommt dieser Reichtum deiner Meinung nach?

Ich denke, es ist das klare Leitbild, das Orientierung schafft und die Gabe, Wandel als Chance zu sehen. Eine Organisation, die über Jahrzehnte so aktiv und prägend für die Stadt ist, muss sich verändern und anpassen können. Wir stehen aktuell vor anderen gesellschaftlichen Aufgaben als noch vor fünf Jahren; die Menschen wollen mehr Vielfalt im Engagement; wir erweitern Kommunikationskanäle und achten zeitgleich darauf, nicht in einer “Echoblase” zu agieren – und natürlich kann es auch uns passieren, dass unsere Gemeinnützigkeit hinterfragt wird, da wir politisch agieren. Zudem, nichts neues, wird es immer herausfordernder, die finanzielle Basis des Vereins und die Finanzierung der Projekte abzusichern.

All diese Herausforderungen halten uns beweglich und dies macht uns gleichzeitig stabil. Stabilität heißt nicht, dass alles bleibt, wie es ist.

Ihr beschäftigt euch derzeit intensiv damit, wie die KFA langfristig sicher und stabil aufgestellt werden kann. Warum gerade jetzt?

Weil sich die Rahmenbedingungen für gemeinnützige Organisationen verändern. Förderungen sind zeitlich begrenzt, öffentliche Haushalte stehen unter Druck und gleichzeitig werden die Aufgaben nicht weniger. Das betrifft nicht nur uns. Viele Vereine und Initiativen stellen sich gerade die Frage, wie sie langfristig handlungsfähig bleiben können.

Wie konkret das werden kann, zeigt der aktuelle Haushaltsentwurf der Stadt Köln für 2027/2028. Nach jetzigem Stand würden bei der KFA kommunale Mittel in erheblichem Umfang wegfallen – betroffen wären unter anderem LeseWelten, die Geflüchtetenarbeit sowie die institutionelle Förderung unserer Ehrenamtsvermittlung und Beratung. Insgesamt entspricht das derzeit einem Minus von rund 45 Prozent bei den kommunalen Fördermitteln. Vor uns stehen jetzt ein paar Wochen, in denen wir einen Veränderungsprozess anstoßen können, damit lange gewachsene und starke Strukturen in der Zivilgesellschaft erhalten bleiben.

Für uns ist das aber auch ein Anlass, bewusst nach vorne zu schauen. Wir wollen nicht erst reagieren, wenn irgendwo etwas wegbricht, sondern frühzeitig überlegen: Wie muss die KFA aufgestellt sein, damit sie auch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren noch eine starke und unabhängige Institution für Engagement in Köln ist?

Was macht dich angesichts dieser Entwicklungen zuversichtlich?

Vor allem die Erfahrung, dass die KFA schon sehr viele Veränderungen bewältigt hat. Auch der Wechsel in der Geschäftsführung war ein großer Schritt – und die Organisation hat ihn geschafft. Das zeigt für mich etwas Grundsätzliches: Die KFA hängt nicht an einer einzelnen Person. Sie lebt von vielen Menschen, die Verantwortung übernehmen – unserem Team, dem ehrenamtlichen Vorstand, den vielen Freiwilligen, Mitgliedern, Kooperationspartner:innen und Wegbegleiter:innen, die uns seit Jahren verbunden sind. Das ist ein enormes Fundament.

Im Sommer habt ihr verstärkt dafür geworben, Mitglied der KFA zu werden. Wie ist das angekommen?

Dem Aufruf zur Mitgliedschaft sind viele Menschen nachgekommen, die sich schon lange bei oder mit uns engagieren und jetzt durch die Mitgliedschaft noch enger mit der KFA verbunden sind. Eine Mitgliedschaft bedeutet für uns viel. Natürlich freuen wir uns über Mitgliedsbeiträge. Aber viel wichtiger ist die Aussage dahinter: Ich stehe hinter der Kölner Freiwilligen Agentur. Ich finde es wichtig, dass es diese Organisation gibt. Unseren freiwillig Engagierten bieten wir eine kostenlose Mitgliedschaft an und wir freuen uns sehr, dass viele beigetreten sind.

Denn je mehr Menschen uns als Mitglied unterstützen, desto deutlicher wird, dass die KFA nicht nur aus einer Geschäftsstelle und einigen Projekten besteht. Wenn wir sagen können: Viele Kölnerinnen und Kölner stehen hinter unserer Arbeit und wollen eine starke Infrastruktur für freiwilliges Engagement in dieser Stadt – dann hat das eine sehr starke Kraft.

Warum ist eine breite Unterstützung für die KFA so wichtig?

Weil unsere Arbeit davon lebt, Menschen miteinander zu verbinden. Wir vermitteln Engagement, verstehen uns aber auch als Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft. Und die entsteht nicht dadurch, dass einige wenige professionelle Arbeit leisten. Sie entsteht dadurch, dass viele Menschen sagen: Ich mische mich ein. Ich habe eine Idee. Ich übernehme Verantwortung.

Wenn du fünf oder zehn Jahre nach vorne schaust: Wie soll die KFA dann aussehen?

Ich wünsche mir eine Organisation, die fachlich stark und gleichzeitig offen für Neues ist. Die schnell auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren kann, ohne bei jeder Veränderung der Rahmenbedingungen um ihre Existenz fürchten zu müssen.

Und ich wünsche mir eine KFA, die von vielen Menschen getragen wird. Die entscheidende Frage für die nächsten Jahre ist deshalb für mich: Wen können wir noch dafür gewinnen, diesen Weg mit uns zu gehen? Wie schaffen wir es, genau die richtigen Angebote zu schaffen, so dass jede und jeder hier andocken kann? Denn das ist genau die Geschichte der Kölner Freiwilligen Agentur: Menschen sehen etwas, das ihnen wichtig ist, und übernehmen dafür Verantwortung. So ist die KFA entstanden. Und so wird sie auch in Zukunft stark bleiben.

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